zwei U3 Kinder

Zahnmedizinische Prävention frühkindlicher Karies

Dietmar Oesterreich

22.03.2016 Kommentare (0)

Die Mundgesundheit der deutschen Bevölkerung hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert. In der Breite der zahnmedizinischen Versorgung hat die Bundesrepublik einen hohen Versorgungsgrad erreicht. Insbesondere die Fortschritte bei der Kariesbekämpfung sind bemerkenswert. Heute nimmt Deutschland bei der Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz ein.

Ursache für diese Senkung der Karieslast ist die verbesserte regelmäßige Mundhygiene, die regelmäßige Fluoridanwendung insbesondere durch Zahnpasten, die Versiegelung der Kauflächen der Backenzähne sowie die regelmäßige zahnärztliche Kontrolluntersuchung in den zahnärztlichen Praxen. Diese Erfolge wurden durch ein Zusammenwirken von bevölkerungs-, gruppen- und individualprophylaktischen Maßnahmen erreicht. Erfolgreich ist dabei auch der sogenannte Setting-Ansatz, der sich auf die verschiedenen Lebenswelten bezieht, z. B. in Kindereinrichtungen und Schulen im Rahmen der Gruppenprophylaxe. Dieses Konzept ist gerade in der jüngsten Zeit im Rahmen des Präventionsgesetzes deutlich gestärkt worden.

Situation

Um die Entwicklung der Mundgesundheit in der deutschen Bevölkerung genau einschätzen zu können, werden von den zahnärztlichen Bundesorganisationen regelmäßige sozialepidemiologische Studien veranlasst. Darüber hinaus führt die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege e.V. (DAJ) eine epidemiologische Begleituntersuchung zur Gruppenprophylaxe durch. Die Auswertung dieser Studien bietet neben der Erfassung der Mundgesundheitssituation die Möglichkeit, Herausforderungen aufzuzeigen.

So zeichnet sich neben der Polarisierung des Kariesrisikos ein weiteres Versorgungsproblem bei den Kleinkindern ab: Lokale Studien belegen, dass frühkindliche Karies (early childhood caries – ECC) bei etwa 15 Prozent der Kleinkinder bis zum dritten Lebensjahr deutschlandweit auftritt. Diese früh auftretende, auch als Nuckel- oder Saugerflaschenkaries bezeichnete Erkrankung ist im Unterschied zur Karies der bleibenden Zähne in den letzten Jahren nicht zurückgegangen, sondern eher gewachsen. Damit ist die frühkindliche Karies die häufigste Erkrankung in dieser Lebensphase. In deren Folge liegt der Anteil naturgesunder Gebisse bei den Sechs- bis Siebenjährigen durchschnittlich bei lediglich 54 Prozent. 

Es ist davon auszugehen, dass annährend die Hälfte aller kariösen Defekte, die bei der Einschulung festgestellt werden, bereits in den ersten drei Lebensjahren entstanden ist. Insgesamt ist die frühkindliche Karies auf Grund der Anzahl der betroffenen Zähne, des Schweregrads der Zerstörung, des geringen Alters der Kinder und der daraus resultierenden geringen Kooperationsfähigkeit das größte kinderzahnheilkundliche Problem. Erschwerend kommt hinzu, dass sie häufig nur durch eine umfassende zahnärztliche Behandlung bis hin zur Extraktion von Zähnen in Vollnarkose gelöst werden kann.

Frühkindliche Karies vermeiden

Die Prävention ist umfassende Grundlage zahnmedizinischen Handelns. Derzeit eingesetzte Präventionsmaßnahmen sind sowohl wissenschaftlich belegt als auch erfolgreich. Zur Bekämpfung der frühkindlichen Karies haben Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) gemeinsam mit dem Bundesverband der Kinderzahnärzte, dem Hebammenverband und unter wissenschaftlicher Begleitung der Universität Greifswald das Versorgungskonzept „Frühkindliche Karies vermeiden“ entwickelt. Die Früherkennung soll präventive und gesundheitserzieherische Maßnahmen umfassen. Das ambitionierte Mundgesundheitsziel der BZÄK ist, dass bis 2020 insgesamt 80 Prozent der Sechsjährigen kariesfrei sind.

Ursachen

Das Entstehen der frühkindlichen Karies hat mehrere Gründe. Risikofaktoren sind sowohl im Sozial- als auch Verhaltensbereich zu finden. Voraussetzung für die Entstehung von Karies ist die Übertragung von oral pathogenen kariogenen Keimen, insbesondere von der Mutter auf das Kleinkind in den ersten Lebensmonaten. In Verbindung mit diesen kariogenen Keimen führt ein häufiges Nahrungsangebot – ob aus der Nuckelflasche mit zucker- und teilweise säurehaltigen Getränken, Säften, Tees o. ä., oder als süße Zwischenmahlzeiten in Form von Schokolade, Kuchen, Keksen usw. – zur Entwicklung einer frühkindlichen Karies. Insbesondere durch das permanente Flaschennuckeln auch nachts zur „Selbstbedienung“ des Kleinkindes werden insbesondere die oberen Schneidezähne ständig von süßen Getränken umspült. Je häufiger diese kariogene Nahrung zur Verfügung steht, desto schneller entsteht die frühkindliche Karies.

Zusätzlich wird in breiten Bevölkerungsschichten noch nicht berücksichtigt, dass mit dem Durchbruch des ersten Zahnes eine Zahn- und Mundhygiene durch die Eltern durchgeführt werden muss. Gleichzeitig ist die Zufuhr von für die Zähne wichtigen Fluoriden unregelmäßig oder unzureichend. Wie bei vielen Allgemeinerkrankungen erhöhen ein niedriger sozialökonomischer Status und eine geringe Schulbildung der Eltern, ein Migrationshintergrund und die damit einhergehenden Informations- und Wissensdefizite das Risiko, an frühkindlicher Karies zu erkranken. Dazu hat die BZÄK auch einen textfreien Comic zur Zahnpflege und Mundgesundheit bei Kleinkindern entwickelt (www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/b/Comic_Prophylaxe_Zaehneputzen.pdf).

Folgen

Die Folgen der frühkindlichen Karies sind vielfältig. Hauptsächlich kommt es zu Zahnzerstörungen mit Komplikationen wie Schmerzen und starken Entzündungen und einem vorzeitigen Verlust von Milchzähnen. Ferner kann der Durchbruch der bleibenden Zähne durch den vorzeitigen Milchzahnverlust erschwert werden. In der Literatur werden die Schädigungen des bleibenden Zahnkeimes, d. h. des Zahns im Entwicklungsstadium, durch Entzündungen beschrieben. Generell kommt es zu Kieferentwicklungsstörungen, einer gestörten Sprachentwicklung, einem gestörten Kau- und Schluckvermögen und Defiziten bei der psychosozialen Entwicklung des Kleinkindes durch den insbesondere im Frontzahnbereich bestehenden frühen Zahnverlust.

Auch ein ungesundes Ernährungsverhalten wirkt sich langfristig auf die körperliche Gesundheit aus. Therapieprobleme treten durch die eingeschränkte Behandlungsbereitschaft des Kleinkindes auf. Durch die frühzeitige Erfahrung von Schmerzen und Behandlungssituationen beim Zahnarzt ist eine normale Entwicklung des Patienten-Zahnarzt-Verhältnisses gestört. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass ein hohes Kariesrisiko im Milchgebiss auch auf das bleibende Gebiss übertragen wird. Insgesamt besitzt die frühkindliche Karies einen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung, die Leistungsfähigkeit und das Sozialverhalten.

Auch die Infektanfälligkeit der Kinder ist erhöht. Häufig nur unter Vollnarkose durchgeführte Behandlungen gehen mit deutlich höheren gesundheitlichen Risiken für das Kleinkind und hohen Kosten für das Gesundheitssystem einher. Und nicht zuletzt wird frühkindliche Karies auch im Zusammenhang mit dem Thema Kindesvernachlässigung benannt. Die vernachlässigte Mundgesundheit ist ein Faktor bei deren Beurteilung.

Notwendige Maßnahmen

Die derzeit in der gesetzlichen Krankenversicherung vorhandenen zahnmedizinischen Präventionsansätze beginnen mit Früherkennungsuntersuchungen ab dem 30. Lebensmonat. Auch gruppenprophylaktische Maßnahmen in Kindereinrichtungen beginnen in der Regel erst in dieser Lebensphase. Eine Früherkennung bzw. Prävention von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten vor dem 30. Lebensmonat liegt in Deutschland in der alleinigen Verantwortung der Kinderärzte im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U7. Zwar sollen in diesen Früherkennungsuntersuchungen Ernährungshinweise mit Bezug zur Mundgesundheit sowie Hinweise zur Zahnpflege gegeben werden – allerdings ergab eine Untersuchung, dass etwa nur ein Drittel der befragten Mütter Hinweise zur Zahngesundheit ihrer Kinder erhalten haben. Weder wird in dieser Phase auf weitere zahnmedizinische Präventionsmaßnahmen noch auf die Notwendigkeit eines Zahnarztbesuches verwiesen.

Um diese Situation zu verbessern, ist für Kinder zwischen dem sechsten und 30. Lebensmonat eine abgestimmte zahnärztliche Prävention unter Berücksichtigung der kinderärztlichen Untersuchung sinnvoll. Dabei sollten in dieser Lebensphase drei zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen zwischen dem sechsten bis neunten, zwischen dem zehnten bis 20. und ab dem 21. Lebensmonat durchgeführt werden. Um eine maximale Zahl der Kinder erreichen zu können, ist es erforderlich, die zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen mit einer entsprechenden verbindlichen Verweisung zum Zahnarzt im gelben Heft für ärztliche Kinderuntersuchungen zu dokumentieren und mit den Pädiatern zu vernetzen. Abhängig von der Lebensphase beinhaltet das Leistungsspektrum dieser Früherkennungsuntersuchungen:

- einen entsprechenden Mundgesundheitscheck einschließlich der Einschätzung von beginnenden Erkrankungen und der Mundhygiene,

- eine Aufklärung und Einübung von Mundhygienemaßnahmen durch die Eltern,

- eine Ernährungsberatung,

- eine Fluoridanamnese einschließlich Fluoridierungsempfehlungen,

- eine lokale Fluoridierung von initialen Kariesläsionen,

- ggf. eine Sanierung durch Füllungsmaßnahmen. 

Perspektive

Derzeit befindet sich die Umsetzung der dargestellten Maßnahmen in der Phase der Beratung der Selbstverwaltung von Krankenkassen und Zahnärzten auf der Grundlage der gesetzlichen Bestimmung zur Einführung dieser Früherkennungsuntersuchungen. Im Ergebnis erwarten wir eine Veränderung des gelben Kinderuntersuchungsheftes in der dargestellten Form.

Bereits seit vielen Jahren setzen sich die Zahnärzte mit der Prävention der frühkindlichen Karies auseinander. In verschiedenen Bundesländern existieren dazu sogenannte Zahnärztliche Kinderpässe, die neben der Erfassung der Mundgesundheitssituation der Kleinkinder – inkl. der Dokumentation der erforderlichen Maßnahmen – zahlreiche Hinweise für die Eltern zur Verbesserung der Mundgesundheit der Kleinkinder geben. 

Bekämpfung der frühkindlichen Karies als gemeinschaftliche Aufgabe

Gesundheitliche Aufklärung und insbesondere mundgesundheitliche Informationen sind eine Aufgabe über viele Fachgruppen hinweg. Zweifelsohne ist in der Phase nach der Geburt der Zahnarzt nicht der primäre Ansprechpartner für die Eltern. Zumindest als einen Ansprechpartner wollen wir den Zahnarzt aber etablieren, um gemeinschaftlich mit den beteiligten Berufsgruppen von Gynäkologen, (Familien-)Hebammen – frühkindliche Karies wird auch ein Thema beim Hebammenkongress im Mai 2016 in Hamburg sein –, Pädiatern und Betreuern in Kindertagesstätten mundgesunde Informationen zu vermitteln. Dazu zählen die dargestellten Hinweise zum Ernährungsverhalten, zur Zahn- und Mundhygiene und zur Wahrnehmung der ärztlichen und zukünftig zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen.

Auch die gruppenprophylaktischen Maßnahmen müssen in dieser Lebensphase auf die Eltern bzw. die Bezugsperson ausgerichtet werden, um sie zielgerichtet zu informieren. Dabei unterstützt ein frühpräventiver Ansatz insbesondere sozial Benachteiligte und hilft, gesundheitliche Chancengleichheit zu schaffen. Mit seinem Konzept „Frühkindliche Karies vermeiden“ will der zahnärztliche Berufsstand nicht nur notwendigerweise die Früherkennung und medizinische Vorsorge verbessern, sondern bewusst einen integrativen Ansatz mit beteiligten Berufsgruppen verfolgen. Wir hoffen sehr, dass dies gemeinsam für die Zukunft gelingt.

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich ist Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer in Berlin.

Quelle: Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus frühe Kindheit, Ausgabe 01-16, S. 67-69 

 

Ihre Meinung ist gefragt!

Kommentar schreiben




Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.


Bitte schreiben Sie freundlich und sachlich. Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet.





Ihre Angaben werden nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Hinweise zum Datenschutz finden Sie im Impressum.