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mehrere Kinder

Notbetreuung

Claudia Theobald

11.05.2020 | Fachkommentar Kommentare (3)

Alles ist jetzt anders. Wir KiTa ErzieherInnen müssen unsere Arbeit neu buchstabieren, Tag für Tag. Meinen KiTa Alltag, wo vertraute Abläufe ineinandergreifen und ich auf vorhandenen Strukturen aufbauen kann, gibt es nicht mehr. Unsere KiTa bietet eine Notbetreuung an, die jetzt erweitert wird. Das Wort ist gut gewählt. Es geht nicht mehr um Pädagogik, sondern jeder hat Not, wir bieten Betreuung an und versuchen als Notgemeinschaft, gut durch den Tag zu kommen. Das Coronavirus ist gedanklich immer präsent und gestaltet unser Miteinander. 

Uns Erzieherinnen macht Not, dass täglich neue Bestimmungen, Verordnungen, Überlegungen, Eckpunktepapiere und Pläne ins Haus flattern. Die Strategie von heute gilt morgen nicht mehr. Viele verschiedene Leute, die noch nie in einer KiTa gearbeitet haben, teilen uns mit, wie wir die Notbetreuung gestalten können, sollen oder müssen. Unsere Not wäre kleiner, wenn die Verantwortlichen mit den KiTas sprechen würden und nicht nur über sie. Wir wissen, welche Maßnahmen vor Ort für welche Altersgruppe machbar sind. Wir sind näher dran als zum Beispiel Ministerpräsidenten, Bildungs- und Gesundheitsminister. Wir sind bereit, über die Stolpersteine in unserem Notbetreuungsalltag zu sprechen und nach Lösungen zu suchen. Wir sind auch risikobereit. Die wichtigsten Waffen im Kampf gegen das Virus sind in der KiTa nutzlos. Abstand halten, Masken Tragen, Nies -und Hust - Etikette, Finger aus dem Gesicht lassen – all das können KiTa Kinder nicht im Alltag umsetzen. Und wir Erzieher müssen bei allem, was wir tun, dicht dran sein. Wir verzichten auf die, laut Politik unverzichtbaren Hygienemaßnahmen. Warum? 

Weil nicht nur wir, sondern auch die Eltern und Kinder Not haben. Die Not der Eltern ist so groß, dass sie ihr Kind in der KiTa abgeben, egal ob die Betreuung in bekannten Räumen stattfindet, gewohnte Spielkameraden und Bezugs- ErzieherInnen da sind. Die Rufe, dass die Kinder ihren vertrauten Alltag in der KiTa brauchen, geht an der Realität der Notbetreuung vorbei. Alles ist anders in Notbetreuungszeiten. Jede Notgruppe hat 10 Plätze und ein festes Erzieherteam. Die Plätze werden so belegt, wie die Kinder angemeldet werden. Egal in welcher Gruppe die Kinder sonst zu Hause sind. Ist eine Notgruppe voll, wird Gruppe Zwei und dann Gruppe Drei gefüllt. Das Wenige, was an Infektionsschutz in der KiTa möglich ist, steht über pädagogischen Überlegungen. Die einzelnen Notgruppen dürfen sich auch nicht begegnen. Mögliche Infektionsketten sollen nachvollziehbar bleiben. Umso mehr Notgruppen wir haben, desto weniger Zeit können die Kinder an der frischen Luft verbringen. Auch im Außengelände darf sich immer nur eine Gruppe aufhalten.  Jede Notgruppe hat deshalb zu bestimmten Zeiten „Freigang,“ damit alle auch mal draußen waren.

Ja, die Kinder haben in der KiTa auch Not, obwohl wir Erwachsenen das gerne ausblenden. Auf vertraute Räume, Spielpartner und ErzieherInnen ist zurzeit kein Verlass mehr. Der KiTa Alltag ist der Notbetreuung gewichen. Damit müssen die Kinder zurechtkommen. Je jünger sie sind, desto schwerer fällt ihnen das in der Regel. Sie brauchen Erwachsene, die für ihre Not Verständnis haben und nicht ihren eigenen Druck an die Kinder weitergeben. „Stell dich nicht so an, im Kindergarten kannst du doch schön spielen, mach jetzt kein Theater.“ Solche Worte nehmen die Not des Kindes nicht wahr und ernst. Corona Zeiten sind für Große und Kleine, Alte und Junge schwierig. Da gibt es nichts schönzureden oder zu beschwichtigen. Es gibt oft keine guten Lösungen in der Krise, sondern nur am wenigsten schlechte Lösungen. Was heute gut und richtig scheint, kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. 

Beschwichtigungen erlebe ich als nicht hilfreich. Ehrlichkeit tut mir dagegen gut und das ist auch bei den Kindern so. KiTa Notbetreuung ist eine Notlösung! Infektionsschutz ist nur rudimentär umsetzbar. Die einzige Maßnahme, die das Risiko vermindert, ist die Bildung kleiner Gruppen, die möglichst keinen Kontakt untereinander haben. So bleiben Infektionsketten hoffentlich nachvollziehbar. Von unserem eigentlichen Gruppenalltag und Miteinander ist dadurch nicht mehr viel übrig. Trotzdem versuchen wir unser Bestes und konstruieren miteinander einen Notbetreuungsalltag, an den man sich auch irgendwie gewöhnen kann. Es bleibt uns nichts anderes übrig. 

Wir dürfen gegenseitig Verständnis für unsere Schwierigkeiten haben, die Not des anderen im Blick behalten und ernst nehmen. Verschiedene Blickwinkel zuzulassen und sich über die Nöte aller Betroffenen auszutauschen, hilft meistens. Das gilt für alle: Politisch Verantwortliche, KiTa Träger, Leitungen, ErzieherInnen, Eltern und natürlich auch die Kinder.

Die Autorin Claudia Theobald engagiert sich als KiTa Aktivistin für bessere Rahmenbedingungen in den KiTas. Sie arbeitet seit über 30 Jahren als KiTa Erzieherin in Rheinland-Pfalz. Die Facebookseite Glücks-Kita in RLP gewährt  allen Interessierten weitere Einblicke in ihr Engagement.

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Kommentare (3)

Kerstin 13 Mai 2020, 21:36

Wie treffend dieser realistische Beitrag war.Dem kann man nichts hinzufügen.Ausser mal mehr Respekt für die Erzieher zu fordern,in so schwierigen und riskanten Zeiten!

Angelika Mauel 12 Mai 2020, 15:36

Auch ich möchte mich bedanken für die anschaulichen und ungeschönten Schilderungen.



Schlimm finde ich, dass es immer bürokratischer zugehen soll. In Sachsen müssen Eltern jeden Tag schriftlich versichern, dass keine Krankheitssymptome in der Familie vorliegen. Als ob derartige Mäztzchen Eltern davon abhalten würden, ein krankes Kind wider besseres Wissen zu bringen.



Wo wird eine entsprechende Erklärung eigentlich von den Fachkräften verlangt?

KJ Tallen 12 Mai 2020, 08:31

Vielen Dank Frau Theobald für Ihre treffenden Worte. Sie spiegeln genau das wider, was mich zur Zeit als Kitaleitung traurig, verständnislos, wütend unzufrieden und teils ohnmächtig zugleich macht.

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