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mehrere Kinder

Nicht nur wegen der Coronaviren: Lüften, lüften, lüften! Denn es mieft schon viel zu lange in Krippen und Kitas

Angelika Mauel

22.09.2020 | Fachkommentar Kommentare (2)

Frischluftmangel in Kitas – ist ein altbekanntes Problem, an das Erzieher*innen sich gewöhnt haben. Nicht wenige nehmen sogar tägliche Kopfschmerzen in Kauf, weil sie meinen, ursächlich sei stets der „Kinderlärm“. Sie wollen Kindern nicht ihren Spaß verderben. Ihrem natürlichen Bewegungsdrang wollen sie nicht Unverständnis, Strenge oder manipulatives Verhalten entgegensetzen und  um einen freien Kopf zu haben, schlucken manche darum ein oder zwei Schmerz-lass-nach-Pillen oder trinken starken Kaffee. Was können die Kurzen dafür, dass sie in Räumen betreut werden, in denen der Schall wabert und der Sauerstoff irgendwann knapper wird? - Nichts.

Zur Qualität der Luft in Kitas: Es gibt viele Krankheitserreger in der Luft, auf Kinderhänden, in ihren Gesichtern und auf Flächen. Wäre es anders, wären Kinder und ihre Betreuer*innen gesünder. Doch im Mittel drei mal so viele Schadstoffe im Hausstaub von Krippen und Kitas wie in einem durchschnittlichen Privathaushalt – das dürfte kein Dauerzustand sein! Besonders übel: Flammschutzmittel und Weichmacher haben häufig hormonartige Wirkungen. Jungen könnten davon unfruchtbar werden. Die Entstehung von Krebs wird begünstigt. Noch uneins sind sich Wissenschaftler darüber, ob genetische Veränderungen oder schädliche Umwelteinflüsse dazu führen, dass der IQ seit Mitte der Neunziger weltweit kontinuierlich sinkt. 

Bitterböse Gedanken

Ob es wegen des Sinkfluges des IQ so lange dauert, bis endlich effektiv gegen chronische Fehlentwicklungen in Krippen und Kitas vorgegangen wird? Ob deswegen die einander abwechselnden Coronaregeln und „Empfehlungen“ so sind, wie sie sind? Nachdenklich stimmen kann uns auch, dass von Politikern vollmundig vieles versprochen wird, was wir halten sollen. Besonders wichtige Vorhaben unserer Volksvertreter aber wurden immer noch nicht erfüllt. Anstelle eines angesagten „Bundeskitaqualitätsgesetztes“, gibt es nun das so genannte „Gute-Kita-Gesetz“... Und verkündet ein Politiker etwas, was so bodenständig-klar und vernünftig ist, dass wir uns darüber freuen würden, wenn wir es nur glauben könnten, dann bleibt es nicht dabei. Dem „falschen Alarm“ von NRW-Familienminister Joachim Stamp folgte die große Entwarnung für die Eltern: Kinder dürfen doch mit Schnupfnasen in die Kitas kommen. „Stamp räumte ein, seine frühere „apodiktische Aussage, jeder Tropfen in der Nase muss zum Ausschluss führen”, habe Anlass für „Missinterpretationen” geboten.“  Diese Rücksichtnahme auf die Nöte der Eltern sowie die Erklärungen des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte werden es den Erzieherinnen in der Krankheitshochsaison, dem Spätherbst, schwer machen. Einige rechnen „definitiv mit unangenehmen Konflikten“, sobald ein erkältetes Kind mit „zu niedriger Temperatur“ wieder mitgenommen oder auf Anruf abgeholt werden soll. „Handlungsempfehlungen“ zum Wohl der Kinder sehen anders aus.

Der Minister hat gesagt

Ob „Versprecher“ Joachim Stamp einen Lapsus ausbügeln wollte, als er für NRW  „das feste Versprechen“ gegeben hat, „dass es keine flächendeckenden Kita-Schließungen mehr geben wird“?    

Die Tarifverhandlungen für den Sozial-und Erziehungsdienst sind noch nicht beendet, scheinen noch nicht mal richtig angelaufen zu sein. Vom Bund und den Ländern verlangte Stamp, sich seiner „Kita-Garantie“ anzuschließen. - Nur von den Erzieher*innen hat er es nicht verlangt.

Corona als Vergrößerungsglas?

Die Pandemie macht deutlich, dass es in einigen Gebäuden an Raum und Möglichkeiten zur Einhaltung von Coronaregeln mangelt. Längst nicht jedes alte Fenster lässt sich weit öffnen und Erzieher*innen, die in maroden Schulgebäuden arbeiten, machen schon zynische Witze. „Bei uns muss im Winter dann wenigstens niemand frieren.“ In feucht-warmen und  aus Gründen der Wohlfühltemperatur unzureichend  gelüfteten Räumen könnten die Coronaviren im Herbst für viele Qarantänefälle und häufige Fehlzeiten der Fachkräfte sorgen. Bei noch abzuklärenden Symptomen müssen sie pflichtgemäß daheim bleiben. Das führt zu der Frage: Wer will einspringen oder kann dazu verpflichtet werden? Die Schließung von Gruppen und Kohorten soll – ungeachtet des Personalmangels – vermieden werden. In Bayern sollen Eltern einspringen. - Noch vor Jahren wurde so getan, als sollten bundesweit keine Kinderpflegerinnen mehr in Krippen beschäftigt werden! (Dabei hatten diese in ihrer Ausbildung mehr über Kleinkinder gelernt als viele Erzieher*innen in westlichen Bundesländern.)

Am Anfang läuft die Nase und der Hals kratzt

Alle Neuen aber, die in Krippen und Kitas regelmäßig im Einsatz sind, werden ähnlich oft von Infekten heimgesucht werden, wie es bei Praktikanten und Berufsanfängern üblich ist. Gäbe es nur diese „not-gedrungene“ Enge in den Institutionen nicht, könnten Kinder gewiss gesünder und entspannter sein und ihre Betreuer*innen auch. Manche langjährige Fachkraft merkt erst nach ihrem Ausstieg aus der Betreuung der Jüngsten, wie es sich anfühlt wirklich gesund zu sein. Zu viele von uns haben sich noch nicht entwöhnt von dem Gedanken, dass man „die Kinder, die Eltern und die Kolleg*innen „nicht im Stich lassen darf“. Wie groß mag der Druck sein, der auf Erzieherinnen lastet, sein, wenn sogar eine angeordnete Quarantäne nicht eingehalten wurde

Warum haben wir uns nicht schon vor Corona getraut, die Frage zu stellen, ob der angeblich „normale“ Krankenstand von Kindergartenkindern nicht eine gewohnheitsmäßig von Erwachsenen geduldete Form der Körperverletzung an Kindern ist?

Während die Kinderärzte ihre Gründe haben, für eine „weite Öffnung der Kitas“ zu sein, haben Erzieher*innen viele Gründe dagegen und allen Anlass, auf kleineren Gruppen zu bestehen. Welche Vorteile die Betreuung der Kinder in kleineren Gruppen bietet, haben viele erstmalig in der Notbetreuung erleben können. Zwar haben Kinder ihre Freunde vermisst, aber dass die Erzieher*innen mehr Zeit für jedes Kind haben konnten, war etwas ganz Besonderes. Die positiven Erlebnisse aus dieser Zeit sollten nicht vergessen werden.

Wie reden und schweigen wir über Corona?

Derzeit tauschen sich Erzieher*innen darüber aus, welche Schulen und Kitas bereits Coronafälle haben. Weiß das Gesundheitsamt Bescheid oder wurde vertuscht? Obwohl die Wahrscheinlichkeit, sich selbst im Beruf anzustecken größer geworden ist als vor oder während des Lockdowns, ist die Angst nicht entsprechend gestiegen. Masken werden auch von Erwachsenen in Kitas und Schulen lässig unter der Nase getragen oder pflichtwidrig abgelegt. Diejenigen, die zum Schutz aller FFP2-Masken tragen, verzichten meist darauf, jene Kollegen zu ermahnen, die frei atmen wollen. Nach einem langen Arbeitstag mit FFP2-Maske sind Erzieher*innen so erschöpft, dass Freunde und Familie es nicht übersehen können. - Monatelang werden nicht alle den Belastungen standhalten können. Doch gerade wenn – im Rahmen der Inklusion – chronisch kranke Kinder betreut werden, fühlen sich vor allem die persönlichen Assistenten dieser Kinder in Kitas und Schulen verpflichtet, alles zu tun, damit sie nicht zum Superspreader werden.  

Wer die Qual hat, hat die Wahl

In sich überhitzenden Gruppenräumen oberer Geschosse oder in „Kindergartencontainern“ können im nächsten Sommer wieder unzumutbare Temperaturen sowie mit Schadstoffen angereicherte Luft den Aufenthalt für Kinder und Erwachsene zur Qual machen. Doch nur selten scheinen Erzieherinnen in größerer Zahl zu kündigen. „Die Mischung aus Container und Corona sei für fünf von insgesamt elf Bediensteten in der Poinger Kita zu viel gewesen. Mehr dürfe das Erzbistum "aus Datenschutzgründen" nicht mitteilen“, hieß es in der Süddeutschen.   

Es wird Zeit, dass die Unzufriedenheit vieler mit den Räumlichkeiten, in denen sie Kinder betreuen, ein Thema wird.  

Ich arbeite zur Zeit in einem Container und es ist wirklich zum Ko**** 

Zum Aufenthalt in einem Container schrieb eine Userin im Forum für Erzieher folgendes am 6.7.2016 in der Rubrik „Container – wie gut sind sie?“

„Sowohl die Akustik als auch die Luft sind wirklich schlecht.

Wenn wir im Waschraum sind und nur ein einziger Wasserhahn läuft ist es laut und man ist schnell genervt von diesem Geräusch. Ich gehe oft mit Kopfschmerzen nach Hause.

Die Luft ist sehr stickig. Wenn man morgens reinkommt muss man erst einmal dauerlüften machen. Ob im Winter oder Sommer, einem laufen schnell die Schweißperlen von der Stirn.

Außerdem haben wir tote Fliegen über Fliegen. Der Chef sagte zwar, es sind ja nur Eintagsfliegen, das ist normal. Aber nein, das ist nicht mehr normal. Morgens kann man immer erst einmal Fliegen wegfegen. Da stimmt was an der Luft ganz und gar nicht. Ich kann es einfach nicht empfehlen.“  

Den Kindern gefällt ihr Container", lautete die Überschrift eines Artikels, der erst gegen Ende kritische Informationen preisgibt. In einem dreigeschossigen Container wurden zur Verbesserung des ansonsten viel zu heißen Raumklimas bereits vor Jahren mehrere Standventilatoren aufgestellt. Zu dem möglichen Einsatz von Ventilatoren in Kitas im Hinblick auf die Zirkulation von Coronaviren hat sich Christian Drosten geäußert. Als Fachkräfte müssen wir uns selbst – oder am besten gleich die zuständige Unfallkasse fragen, ob wir ihren Einsatz in einem Gruppenraum überhaupt zulassen dürfen.

Was finden wir im Hinblick auf Corona richtig, was unzumutbar?

„Sollen die Erzieher*innen doch gefälligst die Fenster aufmachen, wenn sie meinen, die dicke Luft im Gruppenraum wäre unzumutbar“, möchten Eltern und Politiker am liebsten unbesorgt weiterhin denken. - Wie angenehm für sie, dass die wenigen Stürze aus Kita-Fenstern oberer Geschosse noch nicht zum Tod eines Kindes geführt haben. Es gab keine Diskussionen über hochgradig brenzlige Situationen, in denen ein Kind zwar auf die Brüstung eines offen stehenden Fensters gelangen konnte, aber nicht abgestürzt ist.

Ganz bestimmt nicht grundlos verzichteten vor Corona bundesweit viele Fachkräfte auf mehrmaliges, gründliches Querlüften der Gruppenräume, auch wenn die Luftqualität zu wünschen übrig ließ. Nach dem Ende des Mittagsschlafs und dem dann wirklich notwendigen Lüften wurden mit Sicherheit schon etliche Zweijährige von erschrockenen BetreuerInnen „am Schlafittchen“ gepackt. Trotz des Aufatmens und der großen Erleichterung darüber, dass nichts Schlimmes passiert ist: Für eine Fachkraft ist es wirklich sehr peinlich, wenn ein Kind in ihrer Obhut in eine lebensgefährliche Situation gerät. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn über derartige Vor-Fälle weder das Team noch der Träger oder gar Ämter informiert wurden. Vor allem der Nachwuchs im Beruf stünde schnell unter Verdacht, mal eben das Handy gecheckt zu haben.

Wenn Erzieher*innen in ihrem Berufsleben etwas nicht erleben wollen, dann dass ein ihnen anvertrautes Kind schwere Gesundheitsschäden erleidet oder zu Tode kommt!

Die Problematik weit geöffneter Fenster betrifft Schulen und Kitas gleichermaßen: In diesem Jahr fiel im Juli ein Achtjähriger aus dem Fenster des Spielzimmers einer Grundschule. Mehr Aufmerksamkeit erregte der als „Coronavirus-Drama“ betitelte vier Meter tiefe Sturz eines Neunjährigen am 7.8.2020 aus dem Fenster seiner Hamburger Grundschule. Der Schüler, der lüften wollte, erlitt schwere Kopfverletzungen und eine Lungenprellung.

Besonders tiefe Stürze überlebten 2013 ein Fünfjähriger in Kiel, der aus dem Fenster des dritten Stocks seiner Kita zehn Meter tief fiel und ein Neunjähriger, der am 17.11.2016 aus dem Fenster einer Toilette im zweiten Stock seiner Schule ebenfalls circa zehn Meter hinab fiel.

Sowohl Mädchen als auch Jungen sind schon Unfallopfer geworden, sowohl jüngere als auch ältere Kinder. Nicht alles gelangte in die Presse

Am 2.6.2014 fiel in Bad Lauterberg ein Zweijähriger vier Meter tief aus dem Fenster des Schlafraumes seiner Kita. Bald danach, am 14.6.2014 kam es in Freital bei Dresden zu einem Unfall. Ein dreieinhalb Jahre altes Mädchen stürzte circa 5 Meter tief, nachdem sie es geschafft hatte, einen Fenstergriff in 2,80 Meter Höhe zu öffnen. Sie war versehentlich im Gruppenraum eingeschlossen worden.

In Hannover fiel am 6.11.2014 eine Zweijährige aus dem Fenster des Personalzimmers. Der Unfall geschah, als sich Kinder, Eltern und Erzieherinnen versammelt hatten, um gemeinsam am Sankt-Martins-Zug teilzunehmen. Durch seinen Sturz aus vier Metern Höhe trug das Mädchen lebensgefährliche Verletzungen davon.

Auch in anderen Ländern sind schon in Institutionen betreute Kinder aus den Fenstern oberer Geschosse gefallen.  

Und obwohl es wieder zu Stürzen kommen wird, bleibt das Thema tabu.  

Es ist Zeit, dass wir uns selbst Fragen zur Sicherheit stellen, die in einem hinlänglich bekannten Fragenkatalog nicht vorkommen. Inwieweit lassen sich Gesundheitsschutz, Schutz vor schweren Unfällen und die Sicherheit der Kinder und ihrer Erzieher*innen im Falle eines Brandes miteinander vereinbaren? Und wenn wir finden, dass die Kinder unserer Erfahrung nach wegen der Betreuungsbedingungen entschieden zu oft krank sind: Welche Maßnahmen finden wir im Hinblick auf mehr Gesundheitsschutz sinnvoll? Es gibt nicht nur „die Coronaviren“, aber gerade weil noch nicht bekannt ist, welche Langzeitfolgen nach einer Infektion drohen, müssen wir als Fachkräfte fürsorglich und konsequent sein. Der Gesundheitsschutz der uns anvertrauten Kinder darf nicht vernachlässigt werden. Auch unser Arbeitsschutz muss von uns ernst und in Anspruch genommen werden. Ab wann müssen wir Gefährdungsanzeigen stellen? 

Warum haben viele Kindergärten eigens die Eltern im Betreuungsvertrag unterschreiben lassen, dass ansteckend kranke Kinder nicht betreut werden? Zum Zeitpunkt der Unterschrift fanden Eltern es selbstverständlich und gut, dass alle auf diese Weise vor übermäßig vielen Infekten bewahrt werden sollten. Im Rahmen eines offiziellen Einverständnisses viel-versprechender Politiker hingegen soll man uns nun bundesweit durch Infekte geschwächte und schonungsbedürftige Kinder in die Kitas bringen dürfen? Dank der „Schnupfenpapiere“ oder wie auch immer die ministeriellen Schreiben genannt werden, wird nun von Erzieherinnen erwartet, dass sie die Anspruchshaltungen auch von wenig kooperativen Eltern erfüllen. Im ungünstigsten Fall kann das bedeuten, unter Umständen sehenden Auges ein Infektionsgeschehen zulassen, das ErzieherInnen sowohl sich und ihren Angehörigen als auch den Kindern und ihren Familien ersparen wollen. Manchmal verstehen wir die Eltern nicht, verstehen nicht, dass sie nicht einmal beim eigenen Kind riechen können, dass es „etwas ausbrütet“ und der Aufenthalt in einer Gruppe zu belastend für es ist.

Wie ernst wird Kritik von Erzieher*innen an den Zuständen in Krippen und Kitas genommen?

Im Rahmen unserer Dokumentationspflichten sind wir nicht angehalten, alles aufzulisten, was wir verbesserungswürdig finden. Es gibt auch keinen Preis für diesbezüglich besonders ideenreiche Fachkräfte oder Teams. Verantwortungsbewusst Missstände meldende Erzieher*innen erleben immer wieder, dass sie herablassend behandelt werden, als hätten sie keinerlei Recht, sich zu beschweren. „Sie haben sich den Beruf schließlich ausgesucht“, heißt eine typische Antwort. Beschweren sich Erzieherinnen aus dem Gruppendienst oder gar diejenigen, die „nur“ Kinderpflegerin sind, führt hierarchisches Denken schon mal dazu, dass den „Untergebenen“ keine Aufmerksamkeit geschenkt oder ihnen nicht geglaubt wird. Dabei können gerade diejenigen, die keinen Wert auf eine Karriere legen, durchaus Wesentliches ohne Rücksicht auf besondere Empfindlichkeiten des Empfängers zur Sprache bringen. 

Frischer Wind in Kitas? - Wann kommt es zur Kehrtwende?

Würden Erzieherinnen sich doch nicht nur gegenseitig mit Tampons und Schmerztabletten aushelfen, sondern sich endlich in berufspolitischen Angelegenheiten nach besten Kräften unterstützen! Etliche Probleme könnten ganz einfach gelöst werden. Leider werden rebellische Kolleginnen höchst selten so anhaltend und engagiert unterstützt, wie sie es verdient hätten. Ihnen wird zugetuschelt, wie toll es sei, dass sie sich was trauen, aber selbst aktiv werden und sich den Unmut Vorgesetzter zuziehen, darauf lassen sich nur wenige ein. Dabei sind unsere Arbeitsplätze sicher und eine echte Karriere (mit erheblich mehr Einkommen!) kann man als ErzieherIn nur machen, wenn man aufhört eine zu sein und die Praxis verlässt. 

„Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ lautet ein alter Spontispruch, der so gar nicht zu den Gesprächstechniken passt, die wir auf der Erzieherfachschule oder auf Fortbildungen gelernt haben. „Wie heißt das Zauberwort?“ fragen Erzieherinnen schon mal Kinder und meinen, die Antwort müsste „Bitte“ lauten. Aber ein Nein kann oft effektiver sein. „Nein, wir arbeiten nicht in einem Container, in dem Asseln, Fliegen und Spinnen krepieren!“ „Wenn der Schimmel in der Personaltoilette nicht bis zum... dann werden wir...“ 

Während eines Konfliktes lächeln Erzieherinnen zu früh und zu oft. Da muss die Gegenseite doch denken „So lange sie lächeln, kann es noch nicht wirklich schlimm sein“ Lächelnd nehmen Fachkräfte nach einer langen Ausbildung  „nach dem Gießkannenprinzip“ verteilte Belobigungen in Form entbehrlicher Pseudo-Urkunden entgegen. Es wäre brüskierend, so zu reagieren wie Kinder, die beispielsweise den Palmzweig für den Gottesdienst oder den Brief von einem Projektmaskottchen nicht annehmen wollen. „Das will ich nicht haben.“ - Ab und zu Kinder zum Vorbild nehmen, an die Geschichten über die Schildbürger denken oder an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“! Erst ein Kind, das die Wahrheit gesagt hat, konnte „die Großen“ dazu bringen, sich nicht mehr heuchlerisch zu verstellen.

Welches Signal ging von Ursula von der Leyens Lobrede aus?

Am 26.5.2008 nahm die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen an der Einweihungsfeier einer Berliner Kita im sechsten Geschoss eines bekannten Hochhauses teil: Markgrafenstraße 20. Sie und ein Junge fuhren auf roten Bobbycars über die geplattete Dachterrasse der Kita „Wolkenzwerge“. Doch als der Spaß vorbei war, wurde Politik gemacht: Von der Leyen lobte vor der Kamera die neu geschaffene Einrichtung als außergewöhnlich und wegweisend. Man hätte die Springer-Kita auch als Käfigkita“ und nicht nachahmenswerte Notlösung bezeichnen können. Der Wind zauste die Frisuren und spätestens wenn Erzieher*innen in luftiger Höhe Kinder betreuen, werden sie wissen, dass dort kein Wohlfühlklima zu erwarten ist. Hätte Ursula von der Leyen es doch bloß abgelehnt, der Eröffnungsfeier für diese Kita beizuwohnen! Doch sie ließ es sich nicht nehmen, - lächelnd! - vor laufender Kamera das „kluge pädagogische Konzept“ und das „herrliche Außengelände“ zu loben. Mit angenehm sanfter Stimme muss sie den richtigen Ton getroffen haben. Keine harschen Worte vor der Springer Presse. Erstaunlicherweise schwiegen auch sonst die Journalisten im Land. Kein Widerspruch. Auch nicht von den organisierten Kinderschutzverbänden. Und Hochhauskitas und Kitas auf Parkhausdächern waren auf einmal akzeptabel und gelten sogar als nachahmenswert. - Stellt sich in einigen Jahren heraus, dass eine Kita in Adlerhorsthöhe kein guter Platz für Kinder ist, mag sich der Erbauer freuen: Aus der Kita wird ein chices Penthouse, kräftig gefördert mit öffentlichen Mitteln... 

Wo bleibt der Rechtsanspruch für Kindergartenkinder auf einen Garten?

Es braucht keine bedrohlichen Viren, die sich in Innenräumen besser übertragen als im Freien, um zu wissen, dass es für Kinder mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang beglückend ist, wenn sie oft und lange draußen spielen können. Der forcierte Betreuungsplatzausbau, der noch andauert, hat dazu geführt, dass zahlreiche Kitas eine Betriebserlaubnis bekommen haben, obwohl sie Kindern kein eigenes Außengelände bieten können. Und nun stehen diese „auslauflosen Kitas“ während der Pandemie vor speziellen Problemen. Die Kinder können seltener und kürzer ins Freie gehen als in besser geplanten Einrichtungen. Ergo sind diese Kinder und ihre Erzieherinnen einem höheren Ansteckungsrisiko für CoViD 19 ausgesetzt, oder? Das Ansteckungsrisiko in Räumen für COVID 19 kann in Räumen 19 mal so hoch sein wie im Freien. (Zwei mal die 19! Das lässt sich gut behalten!)

Der Stress in diesem Raum war förmlich zu riechen, als ich die Tür öffnete

Derartige Zustände werden auf keiner Homepage und in keinem Hochglanzflyer präsentiert: Die Lehrerin einer Erzieherfachschule, die anlässlich eines Besuchs in der Praxis den Stressgeruch in einem so genannten „Intensivraum“ wahrnahm, war leider nicht bereit, diese Zustände dem zuständigen Jugendamt zu melden.

Ein Auszug aus einem Beitrag von Gelöschter User » 20. November 2012, 20:36, eingestellt unter einem anderen Nick im Forum für Erzieher- /innen:

„Erst gestern habe ich eine Schülerin in einer (neu eröffneten) Krippengruppe besucht, die im Intensivraum einer Kindergartengruppe untergebracht wurde: Gesamtfläche ca. 12qm, freie Bodenfläche etwa 2qm, darin untergebracht: Tische, Stühle, Regale, Wickeltisch(!), mehrere Töpfchen(!) und ein Regal mit Spielzeug. „Bewohnt“ wird dieser Raum von 8 Kindern zwischen 0,9 und 2,4 Jahren, 1 Erzieherin und einer SPS-Praktikantin im ersten Jahr. Der Kindergartenraum nebenan ist mit 28 Kindergartenkindern voll belegt und muss durchquert werden, wenn man nach draußen oder zur Toilette möchte.

Der Stress in diesem Raum war förmlich zu riechen, als ich die Tür öffnete. Und auch, wenn solch extreme Bedingungen doch glücklicherweise die Ausnahme sind, fristen viele Krippenkinder in Umgebungen, die nicht für sie vorbereitet wurden, ihren Krippentag.“

„Ausnahmestandards?“

Der Vergleich mit unglaublich miesen „Ausnahmestandards“, wie sie während lang andauernden Bauarbeiten bei „fortlaufenden Regelbetrieb“ immer noch auftreten, hält Erzieherinnen oftmals davon ab, auf der Behebung von Missständen in der eigenen Gruppe zu beharren.  Allzu bereitwillig wird zur Kenntnis genommen, dass es in anderen Krippen und Kitas noch abstruser zugeht als im eigenen Verantwortungsbereich. Gründe, um kampflos aufzugeben, lassen sich immer finden. Die Kinder in der eigenen Gruppe kommen doch gern. Sie lachen. Aber sie kennen leider nur die Bedingungen, die man ihnen bietet. - Wir aber können vergleichen! Und wir wissen auch, das sexuell missbrauchte Kinder manchmal besonders charmant lächeln oder lachen. Und Kinder, deren volle Aufmerksamkeit von etwas gefesselt ist, was sie voller Eifer erforschen wollen, sehen dabei ernsthaft und manchmal sogar missmutig aus.  

Immer noch müssen in weniger privilegierten Einrichtungen die Schlafkinder von drei, vier oder sogar fünf Gruppen gemeinsam in einem (stinkenden) Turnraum Mittagsschlaf halten. Damit die Erzieher*innen sich nicht in einem vollmöblierten „Multifunktionsraum“ den Rücken beim Auf- und Abbau hölzerner Kinderbetten überlasten, gibt es mit „Kunststoff“ ummantelte, leicht zu transportierende Schaumstoffbetten. Auch sie dünsten unmittelbar vor den Kindernasen chemische Stoffe aus. Und doch gilt es vielerorts als unvorstellbar, sie abzuschaffen. Sobald die Kollegin krank ist, ist es nur praktisch, dass sich die leichten Schaumstoffteile mühelos transportieren lassen.   

Alltagshelfer für die Alltagshelden?

Alltagshelfer“ sollen bald in NRW in die Kitas kommen, um Erzieher*innen zu entlasten. (Warum eigentlich erst so spät?) Sie dürfen putzen, desinfizieren und vieles mehr. Sie dürfen ausdrücklich auch die Erzieher*innen und die Kinder auf Ausflügen begleiten. Ersetzen sollen sie die pädagogischen Fachkräfte nicht. - Soweit die Theorie.

In der Praxis haben wir eigentlich seit einer gefühlten Ewigkeit „Alltagshelfer“, die uns zur Seite stehen. Erleben Mädchen und Jungen, wie Erzieher*innen den Kleinen helfen, in den Waschräumen den Boden aufwischen und die Wasserspülungen der Kindertoiletten betätigen, kommen immer wieder hilfsbereite Kinder auf die Idee, dass sie das auch können... Die älteren Kinder werden gern zu „Paten“ der Kindergartenneulinge. Und in mehr Einrichtungen als man sich vorstellen kann, gibt es Traditionen, zu denen sich Erzieher*innen offiziell nicht bekennen können. So habe ich wiederholt mitbekommen, dass „brave Mädchen“ zugeklebte Briefumschläge von ihrer Erzieherin zu einer Kollegin in einem anderen Gruppenraum brachten. Sie waren als  Schmerztablettenkuriere auserkoren worden und wussten um die Bedeutung ihrer Mission. „Unglaublich! Das gäbe es bei uns nicht!“ mag sich manche Erzieherin empören und dabei Recht haben. Aber Fakt ist, dass in vielen Einrichtungen jeweils andere „Sünden“ üblich sind. Dass sie „nicht so schlimm sind“, lernen Praktikanten, wenn ihnen lachend erklärt wird „Es ist noch nie was passiert“. Und wenn Praktikant*innen miterlebt haben, wie ordentlich Kinder ihre Sonderaufgaben erfüllt haben, dann trauen die ehemaligen Praktikanten an ihren neuen Stellen "minderjährigen Alltagshelfern" ebenfalls mehr zu. 

Zahlreiche Kinder kennen es, dass die „Küchenfee“ nach dem Essen Kinder beaufsichtigt, die keinen Mittagsschlaf mehr halten. Sie sitzt bei ihnen am Tisch, teilt Mandalas aus und achtet auf Ruhe, spitzt Buntstifte und lobt die entstehenden Werke. Freudig wird manche vertraute Küchenkraft umarmt. Nicht immer, weil sie so lecker gekocht hätte, denn das Essen kommt meist vom Caterer.

Voll berufstätige Elternpaare haben keine Zeit mehr, um Ausflüge des Kindergartens zu begleiten. Da ergibt es sich, dass in Kindergärten manche geschätzte Putz- oder Küchenhilfe, die Freude am Umgang mit Kindern hat, als zusätzliche Aufsichtskraft mitgenommen wird. Sie kennt bereits viele Namen und vor allem kennen die Erzieher*innen sie. Eine win-win-Situation für zum Mindestlohn Beschäftigte und das verantwortliche Personal des Kindergartens? Nicht unbedingt. Selbst bei einem tragisch endenden Ausflug in ein Schwimmbad war eine Nichtfachkraft für die Beaufsichtigung der Kinder verantwortlich. Ashley, eine siebenjährige Nichtschwimmerin ertrank. Die 64-jährige Hauswirtschafterin einer Bremer Kita wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.  

„Gedacht wird von der Wand bis zur Tapete“, heißt es in einem kritischen Kommentar von Anneke Quasdorf, die mit Pragmatismus erkennt „Bei den Arbeitsbedingungen, die in Kitas herrschen, werden diese ohnehin kaum wahrnehmbaren Grenzen schnell verschwinden.“ - Ja, wir kennen das schon lange.

Sollen wir „Danke“ – oder „Nein danke“ sagen?

Geht es darum, Kinder in Kitas betreuen zu lassen, scheinen Politiker zu jeder Notlösung bereit zu sein. Stichwort: Die Schlecker-Frauen, die gar nicht umgeschult werden wollten. Erzieherinnen aus Spanien, Griechenland und diversen anderen Ländern, die Schwierigkeiten hatten, die Kinder zu verstehen und deren Dokumentationsarbeiten von den deutschen Kräften oftmals übernommen wurden... Es gab Ein-Euro-Jobber, die früher in kleinen Einrichtungen z. Bsp. frisch gekocht haben. Zwischendurch haben sie mit Kindern an Kindertischen gesessen und sie mit nicht allzu scharfen Messern unter den Augen der Erzieher*innen Gemüse oder Früchte schneiden lassen. Haben sie gern und gut mitgearbeitet, fanden viele Erzieher*innen es ungerecht, dass sie nur so wenig Geld für ihre Arbeit und keine feste Stelle bekamen.

Da Kleinkinder alles, was sie immer wieder sehen für normal und richtig halten, können Erzieher*innen nicht wollen, dass eine maskierte Desinfektionskraft, nur am Sprühen, Wischen und Abstand halten interessiert, durch die Gruppen huscht. Schon gar nicht akzeptabel können wir es finden, wenn das Wickeln nicht mehr als pädagogische Arbeit angesehen würde und von jemandem quasi im Akkord erledigt würde. Entsprechende Überlegungen zu unserer Entlastung gab es schon. „Nur das Wickeln“ kann doch jeder erledigen... Würden Alltagshelfer besonders lange Kindern beim gründlichen Einseifen und Abspülen der Hände helfen, hätten sie nach wenigen Tagen „Rücken“. Vielleicht wären unmittelbar an geöffneten Fenster aufgestellte „Wächter“, die aufpassen, dass kein Kind aus dem Fenster fallen kann, sinnvoll. Aber die Kinder wollen diese Menschen kennenlernen. „Baust du mit mir eine Klickerbahn?“ - „Ich möchte dich und deinen Hund zu meinem Geburtstag einladen.“ Zur Zeit singen Kinder an Waschbecken besonders oft „Happy birthday to you!“

Kluges Kalkül oder kalte Berechnungen?

Den Landesregierungen dürfte bewusst sein, dass zahlreiche der schlecht bezahlten Honorarkräfte in der Nachmittagsbetreuung der Schulkinder während des Lockdowns andere Stellen gefunden haben. Oder sie haben ihre Verträge angesichts des anstehenden „Corona-Herbstes“ nicht mehr verlängert. Steigt die Belastung mit Corona, könnten noch mehr Honorarkräfte aufhören. Die Lücken, die sie hinterlassen, sollen aber gefüllt werden. Vielleicht erst mal mit den Erzieherinnen und den Ungelernten, die vormittags auf festen Stellen in der Begleitung von Schulkindern mit besonderem Betreuungsbedarf tätig sind. Vielleicht aber auch noch zusätzlich mit den Erzieherinnen aus Krippen und Kitas. Und wenn dort der Personalmangel weiter ansteigt, kommen die zertifizierten Alltagshelfer gerade recht... Der Staat will nach dem Rechtsanspruch auf Betreuung für die Jüngsten auch noch den Rechtsanspruch auf Betreuung für Grundschüler umsetzen. Und idealistische Erzieher*innen in Kitas träumen weiterhin von kleineren Gruppen, die ihnen und den Kindern mehr Ruhe und eine bessere Luft bescheren würden.  

Kleinere Gruppen und/oder Belüftungsanlagen?

Forderungen nach Co2-Messgeräten werden von ihrer Seite nicht erhoben. Dabei ist es nicht leicht abzuschätzen, ab wann ein ausreichender Luftaustausch zum Schutz vor Corona stattgefunden hat. Weit geöffnete Fenster lassen im Herbst oder Winter schnell frieren, doch allgemeines Frieren ist kein verlässlicher Indikator.  Werden wir demnächst Belüftungsanlagen bekommen, die Aerolsole erfassen? Auf news4teachers wird fortlaufend diskutiert. Vieles, was zum Umgang mit Corona an Schulen geschrieben wurde, ist auch für uns aufschlussreich. Die Schulministerin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes NRW, in dem etliche Schüler nicht mal ihre Schultaschen mit ins beklemmend kleine Klassenzimmer bringen dürfen, meinte „Luftfilter für Klassenräume wären gut, aber zu teuer“. 

Ob bei dieser groben Schätzung schon berücksichtigt wurde, wie sehr ein einziger Fenstersturz eines Kindes mit lebenslanger Schwerbehinderung die gesetzliche Unfallkasse belasten würde? Und welche  für Folgen müssen ausgehalten werden, wenn keine gründliche Querlüftung in einem leeren Klassenraum erfolgt, dafür aber Infektionen stattfinden? Die Aussage von Ministerin Gebauer löste Empörung aus: Manche Eltern und Lehrer würden lieber privat ihren Anteil an einer Belüftungsanlage bezahlen, als auf sie verzichten und „mama07“ rät Lehrer*innen dazu, eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Yvonne Gebauer zu stellen.

Es geht um mehr als um nur frische Luft, Heizölkosten und ein bisschen Schnupfen!  

Erzieherinnen denken bei Problemen in Kitas eher an Petitionen und unterstützen diese, als daran, Arbeitgeber und den Rechtsstaat in die Pflicht zu nehmen. Der Gedanke „Wir können ja doch nichts ändern“ ist bequemer, als Gefährdungsanzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden zu formulieren, sobald ein Anlass besteht. Erzieherinnen wehren sich nur selten nach Kräften selbst, sondern lassen sich lieber vertreten und verteidigen. Das ist verständlich, nach einem langen, müde machenden Arbeitstag, aber keine besonders erfolgversprechende Basis für die Veränderungen, die wir uns wünschen.

Ab Dienstag, den 22.9.2020 sind Warnstreiks auch in Kitas denkbar. – Dazu ein allzu „empathischer Kommentar“ der Vereinigung kommunaler Arbeitgeber: „Gerade die Streikankündigung in den Kindertagesstätten wird die Beschäftigten, die während des Lockdowns ihre Kinder zu Hause betreut haben und sich nun infolge der Corona-Krise womöglich von Jobverlust bedroht sehen, besonders hart treffen. Das kann nicht im Sinne der Gewerkschaften sein.“

Was halten „die Erzieherinnen“ noch aus?

Es kann nicht im Sinne von Erzieherinnen sein, dass Eltern sich von ihren Arbeitgebern schon seit Jahren derart unter Druck gesetzt fühlen, dass viele von ihnen sich gedrängt fühlen, ihr eigenes Kind trotz Unwohlsein oder einer ansteckenden Krankheit in den Kindergarten zu bringen! Es kann auch nicht im Sinne der Erzieherinnen sein, dass Gehaltshöhe, Stufenregelungen und die Nichtanerkennung ihrer Berufserfahrung, die sie bei einem anderen Träger erworben haben, dazu führen, dass sich ausgerechnet politisch gebildete und sich gut informierende junge Menschen bewusst gegen eine Erzieherausbildung entscheiden. „Richtiges Geld“ ist nun mal wichtiger als das Spielgeld aus dem Kaufladen der Kita oder die auf lobende Worte beschränkte Wertschätzung der Erzieherinnen.  

Doch weil Geld nicht alles ist: Auch an den Betreuungs- und Arbeitsbedingungen in Kitas muss sich eine Menge ändern. Erzieherinnen selbst haben sich, indem sie vieles mitgetragen und sich nicht verweigert haben, selbst an „Notlösungen“ beteiligt und vieles mitgemacht, was sie als Fachkräfte niemals hätten mitmachen müssen - oder dürfen. Wie lange schaffen sie es noch, still zu sein? Wie lange wollen wir unser Wissen, unsere Ahnungen und schlechten Erfahrungen und sogar unsere guten Ideen ungenutzt für uns behalten?

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Kommentare (2)

Fischstäbchen 18 Oktober 2020, 20:44

Ich finde alles was hier steht richtig und wichtig und verbreitungswürdig. Als Erzieherin in Hamburg lese ich viel über Lehrer aber nur wenig bis garnichts über uns. Ich gehöre zur Risikogruppe aus diversen Gründen. Ich bin mitte dreißig und selbst Mutter. Wärend des lockdowns sind viele unzufriedene Mitarbeiter einfach gegangen. Eine förmliche Welle von Kündigung lief an. Das heißt heute arbeiten für drei. Vom gloreich gepriesenen Schlüssel sind wir weit entfernt. Es gilt frühere Kinder nach lockdown neu eingewöhnen und neue Kinder noch dazu. Einarbeiten neuer Kollegen die in ihrem Jugendlichen idealen dann doch wieder das weite suchen. Zu zweit mit 15 krippis welche zu 60 Prozent alle schniefen und Husten. Ich selbst habe eine Dauererkältung(kronische Geschichte wie immer im Herbst durch Stress befeuert) habe schon diverse corona test gemacht aus eigenem Antrieb und verantwortungsbewusstsein. ( von oben nie gefordert und leise hingenommen) . DOCH NUN STEIGEN DIE INFEKTIONSZAHLEN RAPIDE IN DER STADT. Ich habe Angst um meine Gesundheit. Habe Angst der Arbeit fern zu bleiben und mich zu schützen weil ich Angst habe dadurch meine Arbeit zu verlieren und oder meine wenigen Kollegen im Stich zu lassen. WO SIND MEINE RECHTE, WER BERÄT MICH, WAS KANN-DARF-SOLL-MUSS ICH TUN?

Hilfesuchend eine von Hamburgs Systemrelevanten Erzieherin.

Corinna 02 Oktober 2020, 12:31

Danke Angelika für Deinen (wiedermal) TOP ARTIKEL! Er ist RUNDUM DEUTLICH UND UMFASSEND!
Man merkt wieder, dass Du weißt wovon Du schreibst!

Ich danke Dir, dass du nicht still bist! Es sind viel zu wenige, die die Wahrheit immer wieder und kontinuierlich aussprechen! :-(

Corona zeigt die sowieso schon bekannten und unverantwortlichen Missstände noch deutlicher auf. Und wieder tun VIEL zu viele mehr als sie können um zu tun, was erwartet wird.::

Wann werden die letzten denn noch aufwachen und auch aufstehen und sich den Kritikern anschließen? Wann wird endlich was passieren?

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