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Gegen den drohenden ErzieherInnenmangel: Die Initiative Profis für die Kita

11.11.2011 Kommentare (0)

Mehrere Gewerkschaften, Berufsverbände sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege für frühpädagogische Berufe haben die Initiative Profis für die Kita ins Leben gerufen. Dazu im Folgenden ein Interview mit Norbert Hocke, entnommen der Website des Ministeriums http://www.fruehe-chancen.de/fuer_erzieherinnen_erzieher/erzieherinnen_und_erzieher/qualifizierung/dok/214.php.

Norbert Hocke ist gelernter Erzieher. Nach dem Erwerb der Fachhochschulreife studierte er Sozialarbeit, danach Erziehungswissenschaft an der TH Berlin. In den Jahren 1983 bis 1993 war er Leiter einer Evangelischen Kindertagesstätte in Berlin. Seit 1986 ist er im Geschäftsführenden Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft tätig und für den Bereich Jugendhilfe und Sozialarbeit zuständig. Zu seinen Aufgabenbereichen zählen darüber hinaus Familien- und Migrationspolitik. Seit 2000 ist er Sprecher des Bundesforums Familie.

Was möchten Sie mit der Initiative „Profis für die Kita“ bewirken?

Die Initiative „Profis für die Kitas“ wurde von Gewerkschaften und Berufsverbänden mit Unterstützung des BMFSFJ ins Leben gerufen, um dem drohenden Fachkräftemangel in den Kitas etwas entgegenzusetzen und die Öffentlichkeit für dieses Thema zu interessieren. Die GEW hat schon frühzeitig auf die Zahlen und Fakten und den Fachkräftemangel, der sich daraus ergibt, hingewiesen. Doch leider haben die Länder und die Bundesagentur für Arbeit dieses Thema über Jahre verdrängt.

Warum ist Ihrer Meinung nach eine solche Kampagane notwendig?

Der Krippenausbau ist ein wichtiger gesellschaftlicher Auftrag. Er droht aber zu scheitern, wenn nicht genügend qualifiziertes Personal vorhanden ist. Die Kampagne soll auch ein Zeichen setzen, dass Schnelllehrgänge das Problem des Fachkräftemangels nicht lösen werden.

Die Initiative spricht auch gezielt Migrantinnen und Migranten, Wiedereinsteigerinnen und Männer an. Warum wurden diese Zielgruppen gewählt?

Wer in den Krippen und Kitas eine Pädagogik der Vielfallt will, der muss diese auch beim Personal abbilden. Bei durchschnittlich ca. drei Prozent Männern und ca. sieben Prozent Migrantinnen und Migranten in den Kitas müssen diese gezielt in den Schulen angesprochen werden oder aus anderen Berufen umgeschult werden. Eine weitere Gruppe sind die Wiedereinsteigerinnen, d.h. Erzieherinnen, die einige Jahre ausgesetzt haben. Diese wieder für den Beruf zu begeistern, ist eine Aufgabe dieser Kampagne. Auch wenn die Arbeitsbedingungen weiterhin viele abschrecken: Wir brauchen diese Frauen mit abgeschlossener Ausbildung zur Erzieherin dringend!

Herr Hocke, sie sind gelernter Erzieher – worin unterscheidet sich der Beruf der Erzieherin/ des Erziehers von damals vom heutigen Berufsbild und Aufgabenfeld?

Nun ja, die Lebenslagen der Kinder und der Eltern sind oft schwieriger geworden. Dies bekommen die Kolleginnen und Kollegen hautnah in den Kitas mit. Armut, Migration und der „Schulbildungsdruck“ seit PISA macht die Arbeit nicht leichter. Außerdem gibt es heute weniger altersgemischte Teams, deshalb ja auch der Gesundheitstarifvertrag.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, denen Erzieherinnen und Erzieher heutzutage begegnen? Und was sind auf der anderen Seite die spannenden und anregenden Seiten dieses Berufs?

Wir wissen aus unseren Untersuchungen („Wie geht’s im Job?“), dass die Teams eine wichtige und stabilisierende Funktion bei der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern darstellen. Hier gibt es Anregung, hier kann man sich austauschen und weiterbilden, weil die Herausforderungen nicht alleine zu lösen sind. Der Umgang mit Armut, mit Inklusion, Beobachtung und Dokumentation, die Öffentlichkeits- und Stadtteilarbeit, die Gestaltung des Übergangs von der Kita in die Schule ist Teamwork und keine Individual-Pädagogik. Eine weitere Herausforderung ist die Zeit: Für all die beschriebenen Aspekte brauchen die Kolleginnen und Kollegen „Zeit“ (mittelbare pädagogische Arbeitszeit). Nur so können sie den neuen Herausforderungen gerecht werden. Ohne „Zeit“ wird es auf Dauer keine Qualität in den Einrichtungen geben und die Bildungspläne bleiben im Schrank.

Sie fordern mit Ihrer Initiative eine Aufwertung des Berufes der Erzieherin/ des Erziehers sowie die gesellschaftliche Wertschätzung dieses Berufsfeldes. Was hat ihrer Meinung nach dazu geführt, dass Erzieherinnen und Erzieher nicht die entsprechende Anerkennung für ihre Arbeit bekommen? Was müsste sich grundlegend ändern?

Wertschätzung von den Eltern bekommen die Kolleginnen und Kollegen. Alle Elternbefragungen zeigen eine deutliche Hochachtung gegenüber der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern. Auch in Sonntagsreden einer Reihe von politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern wird die „Bildung von Anfang an“ gelobt und gepriesen, aber am Montag müssen die Erzieherinnen und Erzieher mit 800-900 Euro bei einer halben Stelle, ohne Vor- und Nachbereitungszeit, arbeiten. Leitungskräfte mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden nicht von der Gruppenarbeit freigestellt und junge Kolleginnen und Kollegen bekommen nur befristete Verträge. Kita-Erziehung wird immer noch mit familiärer Erziehung gleichgesetzt. Deshalb schlussfolgern einige, dass für diese Arbeit auch nicht besonders viel Geld gezahlt werden sollte. „Erziehen, Bilden und Betreuen kann doch Jede und Jeder“, sagen diejenigen, deren Kinder keine Kita besuchen. Wir erleben diese Diskussion gerade wieder bei der Einführung des sogenannten Betreuungsgeldes. Warum sind die Erzieherinnen und Erzieher in Ausbildung und Gehalt nicht den Lehrerinnen und Lehrern oder den Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen gleichgestellt? Sie gestalten doch – gemeinsam mit den Eltern – das Fundament für den lebenslangen Bildungsprozess. Deshalb bedarf es einer dringenden Aufwertung zur Kindheitspädagogin bzw. zum Kindheitspädagogen.

In Zeiten niedriger Geburtenzahlen steht der Erzieherberuf unter den Top 5 der Berufe mit den besten Zukunftsaussichten seit zwei Jahren ganz oben. Wie erklären Sie sich das?

Ein Land ohne Rohstoffe muss in Bildung „investieren“ und dafür werden Menschen gebraucht. Der Ausbau der Krippen, der Ausbau der Ganztagsschulen, der Generationenwechsel in den Kitas, die dringend notwendigen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, all dies wird auf absehbare Zeit diesen Beruf zukunftssicher machen. Wir müssen Menschen für diesen Beruf gewinnen. Wir brauchen „Profis für die Kitas“, aber um diese Profis in den Kitas zu halten müssen sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. Aber dies ist der Beginn einer neuen Kampagne.

 

 

 

 

 

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