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Eltern, Kita und Schule müssen Kinder fit machen fürs Internet

26.11.2019 Kommentare (0)

Aktuell wächst eine Generation heran, die selbstverständlich mit dem Smartphone groß wird, digital lernt, kommuniziert und lebt. Internetfähige Handys und Tablets gehören für immer mehr Kinder schon in frühen Jahren zum Alltag. Das birgt Chancen, aber auch Risiken. In der Onlinewelt können Mädchen und Jungen auf verängstigende, schockierende, selbstgefährdende Inhalte oder auf Einstellungen und Verhaltensweisen treffen, die verrohen und diskriminieren. Ebenso kann die Unerfahrenheit von Kindern durch manipulierende Werbung, Kostenfallen oder das Ausspionieren persönlicher Daten ausgenutzt werden. Zusätzlich wird Druck aufgebaut, unmittelbar auf Nachrichten antworten zu müssen (WhatsApp-Stress) und das perfekte Bild zur Selbstinszenierung auf Instagram zu posten, um absurd überhöhten Schönheitsidealen zu entsprechen.

Nur im Zusammenspiel zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern kann es gelingen, Kinder und Jugendliche zu einem kritischen und selbstbestimmten Handeln im Internet zu befähigen. Darin waren sich gut 80 pädagogische Fachkräfte einig, die am Dienstag mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis unter dem Titel „Kinder, die auf Handys starren“ über Chancen und Risiken der Online-Nutzung von Mädchen und Jungen diskutiert haben. Zu dieser medienpädagogischen Fachtagung hatte die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS) nach Hannover eingeladen.

Gemeinsam Regeln aufstellen
Viele Eltern kaufen ihren Kindern bereits im Grundschulalter ein Smartphone, da die „digitale Nabelschnur“ Sicherheit suggeriert: Kinder können im Fall der Fälle ihre Eltern erreichen und umgekehrt. „Das darf jedoch nicht dazu führen, dass sich Mädchen und Jungen nicht mehr unbeobachtet entfalten können und in ihrem Bestreben nach Selbstwirksamkeit behindert werden“, fordert Eva Hanel, Fachreferentin für Medienpädagogik der LJS und Tagungsleiterin. Sie empfiehlt, auf dem Smartphone der Kinder Jugendschutzeinstellungen zu aktivieren, um den Zugang zu nicht altersgerechten Inhalten zu verhindern, sog. In-App-Käufe zu unterbinden und die Privatsphäre der Minderjährigen zu gewährleisten. „Regeln rund um die Smartphone-Nutzung sollten von Eltern und Kindern gemeinsam aufgestellt und deren Einhaltung kontrolliert werden. Medienfreie Zeiten sind wichtig!“ Pädagogische Fachkräfte, die von der LJS fortlaufend als „Eltern-Medien-Trainer“ zertifiziert werden, unterstützen Eltern bei der Medienerziehung zu Hause.

„Zwischen Trampolin und Smartphone“
Unter dieser Überschrift hat die Leiterin der Medienforschung von SUPER RTL, Birgit Guth, am Dienstag die aktuelle Mediennutzung von Kindern beleuchtet: Nach wie vor spielen sie am liebsten mit Freunden, treiben Sport, malen und basteln. Gleichzeitig ist das Fernsehen noch immer das wichtigste Freizeitmedium für Kinder. Dabei gewinnen zielgruppenaffine Inhalte von YouTube, Netflix, Amazon und Mediatheken zunehmend an Bedeutung. Diese agieren in der Medienlandschaft aber anders als die angestammten Unternehmen. „Sie sind technologiegetrieben, interpretieren Werberichtlinien anders und richten sich an ein globales und nicht an ein lokales Publikum. Daraus entsteht eine neue Medienlandschaft und -realität, die einerseits Chancen eröffnet, wenn wir an die digitale Teilhabe von Kindern denken, andererseits Risiken zum Beispiel für den Jugend- oder Datenschutz in sich birgt“, sagt Guth. Sie empfiehlt Eltern und Fachkräften, sich intensiv mit den medialen Bedürfnissen und Vorlieben von Kindern auseinanderzusetzen und diesen mehr Beachtung zu schenken.
 
Krankmachende Selbstinszenierung mit perfekten Bildern
Wie wichtig dies auch bei Heranwachsenden, besonders für Mädchen ist, beschrieb Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstitut für das Bildungsfernsehen (IZI). Das soziale Netzwerk Instagram ist derzeit die wichtigste Bühne, auf der sich Mädchen und Jungen selbst inszenieren, Stars oder Influencer*innen folgen und Fotos sowie Videos von anderen kommentieren. Mindestens 85 Prozent der 12- bis 19-Jährigen posten hier aktiv Fotos und Videos. 2018 haben das IZI, die MaLisa Stiftung in Kooperation mit dem Bundesfachverband für Essstörungen untersucht, welche Auswirkungen das Streben nach dem perfekten Bild, nach Anpassung an ein überhöhtes Schönheitsideal haben. Rund die Hälfte der 12- bis 19-Jährigen nutzt regelmäßig Filter, um die Haare glatter, die Haut reiner oder den Körper schlanker darzustellen. „Damit verschiebt sich nachweislich das Gefühl dafür, was schön und natürlich ist. Dies kann bis in eine Essstörung führen, insbesondere wenn Fitness- und ErnährungsInfluencerinnen regelmäßig verfolgt und zur Orientierung genutzt werden“, warnt Studienleiterin Götz. Sie fordert mehr Medienkompetenz besonders für Mädchen, die mit diesem enormen Druck weitgehend allein gelassen würden. Wenn Influencerinnen wieder mehr von ihrer Individualität zeigten und weniger unerreichbare Ideale als scheinbar erreichbar vorgaukelten, wäre schon viel gewonnen. Ein wichtiger Schritt wäre es, wenn die Konzerne, die Mode- und Lifestyle-Influencerinnen sponsorn, vermehrt Frauen unterstützten, die für die real existierende Vielfältigkeit von Mädchen und Frauen stehen, und weniger an einem Zelebrieren krankmachender Schönheitsideale mitwirken würden, sagt Götz.

Blick hinter die Kulisse lohnt sich
Die Oldenburger Medienpädagogin Christina ter Glane plädierte in ihrem Vortrag dafür, dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen Medienkompetenzen entwickeln. Präventionsangebote spielten eine überaus wichtige Rolle, damit Klein und Groß hinter die Kulissen der digitalen Onlinewelt blicken und Stress im Netz vermeiden könnten. Eltern und Lehrkräfte sollten die Schuld für Probleme wie Stress im Klassenchat nicht nur bei den Kindern suchen, sondern Vorbild sein und Orientierung geben. Für sehr hilfreich hält ter Glane die jugendlichen Scouts von JUUUPORT e.V., die sich ehrenamtlich für Respekt und Zivilcourage im Netz einsetzen und Gleichaltrige bei Themen wie Cybermobbing, Abzocke oder Datenklau online beraten.

Vorsicht bei „Kinder-Apps“
Deutliche Forderungen an die Spieleindustrie formulierte Peter Knaak, Redakteur der Zeitschrift „test“, Datenschutzbeauftragter bei der Stiftung Warentest. Im Sommer 2017 hatte die Stiftung Warentest erstmals in Kooperation mit jugendschutz.net 50 besonders umsatzstarke Apps aus den Kategorien „Spiele und Familie“ des Google Play Store und aus „Spiele und Kinder“ des Apple-App-Store geprüft und seither wiederholt getestet – mit niederschmetternden Ergebnissen. „Es ist nicht erkennbar, dass die Spielebranche Kinder und Heranwachsende angemessen schützen will“, berichtet Knaak. Sie müsse u.a. die Kommunikation der Spielenden etwa durch moderierte Chats absichern, zumindest aber barrierefrei zugängliche Möglichkeiten für die Meldung unangemessener Beiträge zulassen. „Kinderaffine Apps sollten keinerlei Tracking enthalten und keine Daten übertragen, die nicht unmittelbar für das Spiel erforderlich sind“, fordert der Experte.
 
Quelle: Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen LJS

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